Ein Urwald stirbt: alte, sehr alte Traubeneichen, deren Äste wie Querrahen großer Segler in den beschattenden Himmel greifen, Weißtannen und Fichten, im Birkenlicht der jungen Bäume grünen Hüten gleich, und das sperrige, kaum durchdringbare Unterholz, in denen sich ganz unvermutet eine kleine Lichtung auftut, auf der das Abendlicht länger im Farnenkraut hängen bleibt, - sie gehen unter, dahin, vorbei.
An das ehemalige, von Friedrich Prinz der Niederlande umgebaute, Pücklersche
Jagdschloss wird nicht mehr lange der Stein im Rest eines Parkes erinnern, der
nach
englischen Vorbildern angelegt wurde, - eine Kunstfertigkeit Pücklers,
die heute Heerscharen von Touristen ins unweite Bad Muskau zu seinem Stammsitz
lockt. Hier aber ist noch Ruhe und Vergessen. Noch liegt im urwüchsigen
Wald eine ehemalige Schlosswiese unentdeckt. Das dichte Baumgeflecht tritt hier
unvermittelt zurück, im schweifenkönnenden, weit gestellten Blick
nunmehr Parklandschaft, Mauerreste, wahrlich alte Solitärbäume ihrer
Art, die unbedrängt zeigen, was sie sein können. Steht man unter ihnen
am Stamm gelehnt, dann kann kein Unglück geschehen, so scheint es. Vielleicht
wuchsen ihre Vorfahren dort vor 1000 Jahren schon im „Heiligen Hain“,
einem gehüteten, religiösen Bezirk der slawischen Erstbewohner. Auch
dieser poetische Ort wird untergehen, geflutet, wird Grund im Restsee des Braunkohletagebaues
Nochten.
Jetzt liegt dort noch versteckt ein verwunschener Weiher aus Pücklerscher
Hand zwischen Preißelbeeren und wildem Rosmarin, der seine Geheimnisse
nicht preisgibt und von dem mancher noch weiß, dass einstmals Eis aus
ihm gestochen wurde, welches im naheliegenden, heute verfallenen Eiskeller bis
in den Sommer die dort untergebrachten Lebensmittel kühlte. Ebenso wird
die Erinnerung an den letzten dort geschossenen Wolf vergehen. 1845, genauer
am 14.12.1845, fiel dort der letzte graue Jäger. Sein Gedenkstein ist schon
abhanden gekommen. 2002 aber kam er zurück und streckte unweit auf der
Langen Wiese zwei Frischlinge. Aber das ist eine andere
Geschichte.
Dieser Wald ist ein alter Wald. Die Graf von Arnimsche Waldgutstiftung, eine
Ende des 19.Jh. beispielhafte Unternehmensform mit eigenen Säge- und Schleifwerken,
hinterließ uns diesen
damals
rund 26.000 Hektar großen, teilgegatterten Wald, Torhäuser an den
Ein- und Ausgängen, das 1972 abgerissene Jagdschloss, und bot in der strukturschwachen
Region für viele ein karges Auskommen. Die Menschen und Tiere hinterließen
dort ihre Geschichte, die noch herauslesbar ist. Eingeschrieben in den Wald
liegen Erinnerungsorte, welche Geschichten vom Wald und der Jagd darin erzählen.
Im Juni 1933 z.B. fanden Waldarbeiter auf dem Kahlschlag eines Jagens den kapitalen
Hirsch Florian tot auf. An den von einem Rivalen niedergerungenen Rothirsch
erinnert seit damals ein kleiner Stein. Zwischem dem Stangenholz in Reihe liegt
er schlicht beschirmt von einer im Herbstlicht gelb aufflammenden Buche.
Von Hirschen handeln einige Geschichten. Von Clemens wird noch erzählt:
der stattliche Hirsch fiel im schon 1780 abgesteckten „Tiergarten“
von einer Arnimschen Kugel. Auch ein 1902 allenortens bekannter 18-Ender soll
noch erwähnt werden. Der auf dem Weg nach Berlin zur Reichstagsitzung befindliche
Graf erfuhr durch einen Anruf seines Oberförsters Seitz von dem im Revier
bestätigten und eingelappten Hirsch. Da er nicht zur Jagd konnte und wohl
wusste, dass der Hirsch ihm „durch die Lappen gehen“ würde,
blaffte er seinem Förster entnervt zu, dass er dann halt zu schießen
sei. Oberförster Seitz schoss den Hirsch am gleichen Abend. Am nächsten
Tag beschlagnahmte der Graf das Geweih, ließ von ihm eine Holznachbildung
anfertigen und kündigte dem Forstmann unter Wahrung der Kündigungsfrist.
Auch gibt es im „Urwald“ genannten Mischwald südlich von Weißwasser
neben alten Geschichten auch manch sehr alten Baum. Ihre Äste greifen weit
und knorrig zurück in Zeit und Raum. Ihre Borken hüllen sie faltenreich
und rauh, erratisch stehen sie, verloren auch und fremd zwischen jungwüchsigen
Fichten und Eichen, die unter ihren Blattschirmen behütet heranwachsen.
Die vielhundertjährige, nun gebrochene mächtige Kiefer, die „Protestantin“
genannt, habe ich während meiner Streifgänge gefunden, sie bezeugt
seit 1620
den
Übertritt der vormaligen Standesherrschaft Muskau zum protestantischen
Glauben. Sie fault, vermodert, drückt sich in den feuchten Grund. Sie war
sehr groß, so groß wie die „Amerikafichte“, die 35 Meter
maß und deren gewaltiger Wurzelkreis den Forstleuten damals auf Fotos
gern als Hintergrund diente.
Heute wird allem dort das Grundwasser bereits entzogen, es fließt durch
kilometerlange Rohrschneisen fort, es folgen weitere „Sümpfungsmaßnahmen“,
übliche Braunkohletagebauvorbereitungen von einer nicht mehr schilderbaren
Barbarei und Hässlichkeit. Und es wird schnell gehen. In einem Jahr stehen
die Bagger vielleicht an der „Langen Wiese“, der ehemaligen Pferdekoppel
der Arnimschen Ländereien. Die Zaunfundamente liegen jetzt noch wach im
Gras. Ungetüme Bagger werden bald Mondlandschaften hinterlassen, sie bleiben
für lange, später wird in ihnen wieder etwas wachsen, naturnah recycelt,
mit Naturschutzmonitoring und allem Pipapo versteht sich. Aber was war, wird
vorbei sein. Endgültig.
Die Vattenfall AG bemüht sich als federführende Bergbauunternehmen
vor Ort wohl um adäquate, strukturähnliche „Renaturierung“,
sie wird also Feuchtes wieder feucht anlegen. So wird aus dem seit 1963 bestehenden
NSG „Altteicher Moor und Große Jeseritzen“ eben eine Teichlandschaft
mit womöglich touristisch interessant nutzbarer „Aqua-Fun“-Struktur?
Ein Findlingspark ist so schon entstanden. Zwischen anwachsenden Kiefernkulturen
lagern dort adrett aufgereiht die Felsbrocken, die die letzte Eiszeit hier liegenließ.
Endmoränengebiet steril, geschichtslos, ohne Patina.
Genpotentialerhalt
lautet ein anderes Bürounwort und es ist Pflicht. Fleißig werden
die Eicheln der im „Urwald“ heimischen mehrhundertjährigen
Traubeneichen bei Weißwasser gesammelt. Auch die Niederlausitzer Tieflandsfichte
ist einzigartig, authochton und hier zuhaus: sie hat sich hier besonders an
die Spätfröste und den feuchten Grund angepassen können. Ob sie
hier
jahrzehntespäter
wieder wachsen dürfen, weiß das zuständige Forstamt allerdings
nicht. Der „ausgekohlte“ Böden wird erst sieben Jahre nach
einer neuen „Bestandsbegründung“ durch die Vattenfall AG ,
als gesicherte Kultur, wie es heißt, privat verkauft, der Bundeswehr zur
Verfügung gestellt oder erneut den Forstbehörden in Gewahrsam gegeben.
So soll sich dann generationsübergreifend der Kreis von Zerstörung
und Erneuerung schließen. Dazwischen liegt aber das Grauen, eine Hölle:
abgetorfte, braune Wüste, wo Sumpfwiese war, Sandberg an Sandberg, wo Urwald
war. 100 Jahre später wird’s dort wieder grünen. In mathematischen
Gleichungen mag grün gleich grün sein, im Tagebau Nochten gilt das
nicht. Nur die ausgelöschte Erinnerung, der Wegbruch einer Walderfahrung
mag künftigen Enkelgenerationen einen ruhigen Blick auf das Nachgewachsene
spenden.
Ich bin ungerecht, ich weiß. Aber wer trauert, den interessieren nicht
so sehr die ausgetauschten Argumentkataloge, die Abwägungsrituale im ethischen
Konflikt zwischen Naturschutz und Energiepolitik. Wer am Grab eines Waldes steht,
darf weinen, wütend sein, den Herrgott
verfluchen,
sich ratlos fühlen, traurig sein. Dass es noch schlimmer kommen könnte,
tröstet kaum.
Wir betrauern nur, was uns nahe kam und blieb. Was fremdbleibt, lässt uns
kalt. Wer in die Wälder geht, sie sehen und lesen kann in den verschiedenen
Sprachen der Poesie, Jagd und Forstkunde, wer gerne die duftigen Dämmerungen
und Nächte unter dem Ruf des Kauzes sucht, wer die Pilze noch mit Namen
kennt und die Beeren sammelt, der verspürt wohl Trauer, tiefes Traurigsein;
ein Weh ohne Vergehen.
Daran fehlt es in den in letzter Zeit wieder vermehrt erschienenen Texten zum Braunkohletagebau in der Niederlausitz. Da phantasieren manche den Waldbrand als Erlösung von den Kiefernmonokulturen herbei und trauen sich gar dies Geschreib mit der Überschrift „Paradies im Restloch“ herauszubringen (ZEIT 2004,Nr. 33), geradezu so, als wäre alles ein Biotop, eine Müllkippe ebenso wie ein intakter Wald. Das mag in Proseminaren der Biologie noch angehen, zu Ende gedacht ist das nicht.
Die erstaunliche Konjunkur dieser zunehmend salonfähig werdenden Ignoranz
in derart peinlich euphorisch gehaltenes Jubelwerken auf den Raubbau soll nicht
ohne das Requiem raumgreifen.
Wo bleibt der Nekrolog auf das Verschwinden, hier einer Heide- und Dünenlandschaft
mit verstörend üppiger Vielfalt an Farben, Gerüchen, Pflanzen
und Tieren? Wo klingen die Totenmessen für die bald weggebaggerten jahrhundertealten
Misch(ur)wälder um Weißwasser, in ihnen die Jagdschlossreste auch
derer von Arnim; ach, wirkliche Wälder noch, rings mit Weißtannen,
Eichen und Geschichten, die der Wind raschelnd ins Altlaub des Vorjahres einflicht.
Wälder noch, die nicht auferstehen aus ihrer retortlichen Zeugung auf den
Reißbrettern der Landschaftsbau(!)- technokraten, Baggerführer und
der Heerschar anderer Sargträger.
Auch an das bedrohte Dorf Horno wird momentan erinnert, die Fakten sind schnell
aufgezählt. Empathiefähig erscheint das generationsübergreifende
Zerstörungswerk von Landschaft und Siedlungsraum aber für Nichtbetroffene
nicht. Und doch: Würden wir in Wäldern leben, verschwände mit
den Bäumen eine Heimat, die durch keinen Landschaftspark substituierbar
ist.
© Rainer F. Kokenbrink.
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