Den auf mich zuflüchtenden Frischling packte der
Wolf zuerst. Im ruhigen, federnden Gang, ohne jede Eile und Mühe
fegte er den panisch kreuz und quer über die morgennasse Wiese
hetzenden Frischling mit einem Pfotenhieb von den Läufen und schlug
seinen Fang fast gleichzeitig in den Wildkörper. Die Beute lag
quer im Wolfsfang und mit einem
kurzen Nachschnappen legte der
Wolf sich die kleine Portion im Maul zurecht, um erneut und diesmal
deutlich fester zuzufassen. Dann legte er das leblose Stück ins
Gras der "Großen Wiese" ab und sicherte erhobenen Hauptes. Mein
Glas zitterte, ich stand auf halber Hochsitzleiter und konnte
nicht fassen, was ich sah.
Nicht von Polen, der Ukraine oder dem Urwald von Bjelowesch, Weißrussland, ist die Rede, sondern vom Osten Deutschlands. Seit zehn Jahren fahre ich zur Jagd in die Lausitz, einem Grenzlandstrich zu Polen zwischen Bautzen, Görlitz und Cottbus von beeindruckender Vielfalt. Ich habe in der Lausitz meinen ersten Storch klappern gehört, ich sah dort Seeadler pfundschwere Karpfen aus den Teichen rauben und verlieren, ich hörte das schwere Atmen des Rotwildes kurz vor meiner Leiter und ich sah sie des Nachts im Mondlicht einen Bach durchqueren, sich schüttelnd, und jeder wegspritzende Wassertropfen leuchtete für einen unvergessenen Augenblick. Wiesenweihen schaukeln über nichtendenden Rapsschlägen, hunderte von Staren verlassen auf ein Händeklatschen die Bäume und der Ruf der Wildgänse in der Dämmerung..., diesen mächtigen Bildern und den tiefen, weißen Wolken folge ich jährlich. Unter den Förstern, Schäfern, Jägern und Anliegern der Muskauer Heide ist die Anwesenheit von Wölfen seit mehreren Jahren ein offenes Geheimnis. Selten wurden sie gesichtet, öfter aber schon gefährtet und an Wild- und Schafrissen bestätigt. Mittlerweile beschäftigt die Wolfspopulation der Oberlausitz den Sächsischen Landtag, die Forstbehörden, die Zeitungen der Region, Beeren- und Pilzsucher, - kurz die ganze Region. Auf international besetzten Wolfskongressen und regionalen Informationsveranstaltungen wird über die Lebensgewohnheiten der Wölfe informiert. Die Wildbiologin Gesa Kluth wendete sich unlängst in einer WDR-Austrahlung zur Wiederansiedlung der Wölfe in der Lausitz auch an ein überregionales Publikum, DIE ZEIT berichtete von grenzübergreifenden Wolfsforschungen mit polnischen Verbänden und Spezialisten. Und auch die Sächsische Zeitung notiert regelmäßig Wolfsbegegnungen. In der Nacht vom 29. auf den 30.4. 2002 rissen Wölfe in der Herde von Schäfermeister Neumann in Mühlrose 15 Schafe, weitere drei wurden schwer verletzt und später notgeschlachtet. Weitere neun verschwanden. Dem zweiten Angriff in der übernächsten Nacht fielen drei Schafe zum Opfer, zwei starben wenig später an Kreislaufversagen. Die Herden der Schäfer wurden nächtelang bewacht, man diskutiert Abschreckungsmaßnahmen, die Leute sind irritiert. Der Sächsische Landtag sagte aber inzwischen volle Entschädigung zu und die Suche gilt nun sinnvollen Schutzmaßnahmen der Nutzviehbestände, eine "SOKO Wolf" ist gegründet.
Es schien kein besonders guter Morgenansitz am 11. Mai in dem
ostsächsischen Revier zu werden. Den Wecker hatte ich überhört
und vor 5.00 Uhr, also im besten Licht, würde ich kaum auf der
Kanzel sein. Zudem war der Zufahrts- und Zugangsweg mit feinem,
knirschendem Kies bestreut, so dass mir von Morgenansitzen abgeraten
wurde, um das Wild nicht zu vertreten. Aber ich versuchte es
dennoch. Der Revierteil liegt am Rande des Braunkohletagebaues
Nochten und seine besten Teile sind vom Bagger bedroht. Die
alten Eichenbestände im ehemaligen Jagdgebiet des Grafen von
Arnim, die so weit nördlich kaum verbreiteten Weißtannen in
den Plenterwäldern, die naturverjüngenden Bestände, fast alle
werden dem Tagebau weichen, eine Mondlandschaft wird vorübergehend
folgen. In hundert Jahren mag dies durch Rekultivierung wieder
vergessen sein, aber dies ist für ein Menschenleben zu lang;
der Verlust wiegt schwer. Mitten in diesen Wäldern die "Große
Wiese", ein 400x90 Meter großes "Sahnestück", Rotwildbrunftplatz,
umgeben von Einstandsgebieten von Reh- und Schwarzwild. Es
war taghell, viel zu spät. Ich wollte dem zwei- oder dreijährigen
Bock nachstellen, der sich wie das übrige Rehwild auffällig
unruhig während der vorangegangenen Ansitze zeigte. Stets trat
es nur für wenige Minuten, scheinäsend und oft sichernd auf
die Wiesenkante, kaum dass es mehr als zehn Meter auf die Fläche
herauszog. Die im letzten Büchsenlicht austretenden Stücke Rotwild
ästen demgegenüber ruhig und langanhaltend vertraut. Mit diesen
Gedanken bog ich in den Forstweg ein und stellte den Wagen ca.
200 Meter vor der Wiese ab. Den braunen Kiefernadelstreifen
am Wegsaum nutzend versuchte ich möglichst geräuschfrei die
Kanzel zu erreichen. Bald leuchteten einige Wiesenstücke durch
den lichten Hochwald. Kurz vor der Wiesenecke machte ich zwei
dunkle, schwarze Klötze am gegenüberliegenden Waldrand der Wiese
aus. Sauen! Aufgeregt pirschte ich weiter. Die Kanzel konnte
ich nicht erreichen. Die krumm gewachsene Birke in der Wiesenecke
bot Deckung und vielleicht auch eine Schussmöglichkeit. Sauen
waren im Revier und durch frische Brechstellen bestätigt. Ein
gescheckter Überläufer soll bei der Rotte sein, hieß es. Jeder
Schritt ein Knirschen und mein ängstlicher Blick auf die Sauen,
ob sie mich bemerken. Sie zogen langsam, ab und zu kurz brechend,
auf die Dickung zu. Ich musste mich beeilen. Ich erreichte nach
einer Ewigkeit, wie mir schien, die Birke und kniete nieder.
Ach, ich muss noch repetieren, so ein Mist. Zu dumm, in der
Aufregung glatt vergessen. Bloß leise jetzt! Ich legte an und
konnte im Zielfernrohr den "Schecker" ausmachen, versuchte ihn
halbwegs ruhig ins Absehen zu bekomme. Die "blondierte Sau"
ragte nur halb aus dem Gras. Mit zitternder Hand strich ich
am Birkenstamm an, vergewisserte mich eines freien Schussfensters,
stach ein und wartete darauf, dass der Schecker breit zu stehen
kam. Der Stachel tanzte auf dem kleinen, ca. 90 Meter weit entfernten
Wildkörper. Bald haben sie die Dickung erreicht, dachte ich,
als das Schwein breit verhoffte, und der Schuss mehr losbrach,
als dass ich geschossen hatte. Die Sau fiel im Knall, schlegelte
zweimal. Ich repetierte deutlich erleichtert nach, versuchte
das Schwein erneut ins Absehen zu bringen, sah die flüchtig
auf die Dickung zueilenden Sauen, denen plötzlich auch "mein"
Schecker unwesentlich langsamer nacheilte. Dann waren sie verschwunden.
Die Lausitz. Im deutsch- polnischen Grenzgebiet zwischen Bautzen, Cottbus und Görlitz haben sich in den letzten Jahren grenzübergreifende Naturschutzvorhaben etablieren können. In den Flussauen der Neiße, den Fichtenmonokulturen, in offenen Heide- und z.T. auch Moorlandschaften, an den Dünen und den weitverzweigten großen Teichgebieten um Niederspree halten sich gefährdete Pflanzen- und Tierarten. Die artenreiche Flora und Fauna, oft Restvorkommen sonst ausgestorbener Arten verlangen großzügige und vernetzte Naturschutzgebiete und Projekte. Sonst sind die Fischotter, Seeadler, Rohrdommeln, Uhus, Kraniche, Birkhühner, Kleine Binsenjungfern (Lestes virens vestalis) Krebsscheren (Stratiotes aloides), Gemeiner Moorbärlapp (Lycopodiella innudata) und viele andere Arten wohl nicht zu schützen. So scheint es kein Wunder, dass ein seit langem in Westpolen ansässiges Wolfrudel die jahrhundertealten Wolfspässe über die Neiße nutzte und sich zwei Gründertiere ansiedelten. Der Zweckverband "Naturschutzregion Neiße" mit Sitz in Weißwasser versucht seit mehreren Jahren innerhalb des WWF Projektes "Grünes Band Oder-Neiße" mit den polnischen Verbänden "Liga Ochrony Przyrody" in Zielona Góra und "Lubiski Klub Przyrodników" in Swiebodzin auf beiden Seiten der Neiße erhaltenswerte Biosphärenreservate auszuweisen und zu einem vernetzten Gesamtschutzplan zusammenzuführen. Hier sind beachtliche Erfolge erzielt worden.
Die Wiese schien leer. Ich stand unschlüssig auf, lauschte
nach flüchtendem Wild und entschied auf die Kanzel zu steigen,
um abzuwarten und das Geschehen zu rekapitulieren. Ob das Schwein
nur gekrellt war? Aber warum schlegelt es so deutlich? Ich war
doch gut abgekommen, oder doch nicht. Mit diesen Gedanken pirschte
ich unruhig und enttäuscht die Kanzel an, stieg die Leiter hoch,
den Blick auf die Stelle gerichtet, wo die Sauen sich in die
Dickung einschoben hatten. Auf halber Höhe der Leiter dann Unruhe
an besagter Waldkante, ich zog das Glas hoch und sah: Zwei Frischlinge
flüchteten hakenschlagend durch das Gras auf mich zu.
Wo war
die Bache? Warum erscheinen sie allein? Mit diesen Überlegungen
blickte ich erneut zur Waldkante zurück und dort sah ich ihn,
den Wolf. Viel zu groß für einen Hund, dachte ich noch, als
der Graue sich langsam trabend auf mich zu in Bewegung setzte.
Den zweiten Frischling bekam er ebenso schnell. Mit der gleichen
Jagdtechnik wie beim ersten Stück holte der Wolf ihn von den
Läufen und packte zu. Zweimal nachfassend legte er sich den
Frischling passend in den Fang, sicherte kurz. Wiederum hatte
ich das graue Wolfshaupt fast bildfüllend im Blick meines 20x70
Glases, das zunehmend mehr auf und ab tanzte. Immer noch stand
ich auf der Kanzelleiter, noch immer hatte der Wolf mich nicht
bemerkt. Er legte den toten Frischling ab, ging um seine Beute
herum, nahm ihn erneut auf und ging vertraut auf die gegenüberliegende
Dickung zu, in der er dann schließlich verschwand. Durchatmend
bezog ich nun die Kanzel, öffnete das linke Fenster zur Wiesenecke
hin, von wo der Wolf die Jagd begann, öffnete das Mittelfenster
und sah auf die zwei Birken, zwischen denen der Wolf verschwand,
öffnete das rechte Fenster: Da äste auf keine 100 Schritt der
junge Kolbenhirsch vom Vorabend. Mittlerweile waren zwanzig
Minuten vergangen, es war taghell, die Sonne würde gleich aufgehen
und ich hatte meinen ersten Wolf gesehen, jagend, ganz nah,
und dieser Hirsch war sichtlich unbeeindruckt, er äste ruhig
weiter. Ich schwenkte das Glas zurück, suchte die zwei Birken,
deren Spitzen schon bald vom Sonnenlicht entflammt würden, und
sah ihn erneut.
Kerngebiet des ostsächsischen Wolfsrudel ist der Truppenübungsplatz Oberlausitz, ein alter NVA Übungsplatz, den die Bundeswehr nach dem Mauerfall übernahm. Auf 14.000 Hektar, davon 10.000 ha Wald, zumeist Kieferkulturen, finden die Wölfe genug ungestörten Lebensraum und gute Wildbestände: Muffel, Rot- und Dammwild, Rehwild. Auf den sandigen Grenzwegen glaubte ich letztes Jahr eine Wolfsfährte gefunden zu haben. Eine richtige Annahme, wie mir auch die Ausführungen der Wildbiologin Gesa Kluth zeigten. Die nachwachsenden Wolfsgenerationen erzwingen die Auswanderung der Jungwölfe, die sich ihre neuen, für Rudel auch 250 Quadratkilometer großen, Reviere suchen. Diese jungen, reviersuchenden Wölfe scheinen auch die Schafe von Schäfermeister Neumann wiederholt angegriffen zu haben. Das Bundesforstamt Muskauer Heide schätzt, dass acht oder neun Wölfe in der Region leben könnten. In den anfänglichen Stolz Vieler auf die intakte Natur, in der sich Wölfe wiederansiedeln, mischen sich nach den Schafsrissen auch Sorgen und Ängste. Der Appetit des Wolfes (an die vier Kilo Fleisch benötigt ein Wolf täglich) bedrohe die Wildbestände, das Pilze- und Beerensammeln sei nicht mehr sicher..., dererlei hört und liest man jetzt zwischen Niesky und Weißwasser häufiger. Zwar gehen die Wildbestände etwas zurück, dies aber keineswegs besorgniserregend, so wird Rolf Röder vom Bundesforstamt zitiert. Zudem verhindere der stark ausgeprägte Wandertrieb der Wölfe einschneidende Rückgänge der Wildpopulationen, ergänzt die Wolfsexpertin Gesa Kluth. Er tänzelte fast auf der Stelle. Unschlüssig schien er. Sicherte, nahm Wind, dann ein Sprung über den kleinen Graben und er stand erneut auf der Wiese. Deutlich entschiedener nun trabte er mit tiefem Windfang auf mich zu. Die Rute verlängerte den Widerrist, "was ist der groß" !, schoss es mir durch den Kopf, da erreichte er den zuerst getöteten Frischling, nahm ihn auf und zog nun schnell antrabend ca. 60 Schritt links an der Kanzel vorbei auf die Birke zu, von der ich die Sau beschossen hatte. Kurz vorher wechselte er jedoch in den dichten Birkenjungwuchs. Jetzt war die Wiese leer. Die Sonne warf lange Lichtbahnen auf das nassglitzernde Wiesengrün.
Das zukünftige Verhältnis von Mensch und Wolf wird sich mittelfristig in einem wechselseitigen Lernprozess einspielen. Jahrhundertelang gehörten Wolfsrisse zur Arbeits- und Lebenskultur der Hirten und Schäfer. Mit Herdenschutzhunden begleitete man die wandernden Herden, an manchen Orten Europas noch heute. Das scheint Vergangenheit, aber nächtelang bewachten die Schäfer und ihre Freunde die Schafherde bei Mühlrose ohne Erfolg, bei Nebel kamen die Wölfe wieder. Wir werden wieder lernen und akzeptieren können, dass die Natur auch ein fremdes, nicht domestiziertes Gegenüber ist. Das wird auch uns verändern, unserem Streben Grenzen ziehen. Die Wölfe werden immer wieder Schafe reißen, sie werden lernen, dass dies oft scheitert und die Zäune mitunter empfindlich schmerzen. Die Schäfer werden ihre Herden des Abends wieder zögerlicher verlassen und besorgter morgens nachzählen, die Sorge ist zurück. Meine Sau wurde auf der folgenden Nachsuche gefunden. Kein Schweiß, kein Haar, der erfahrene Hund verwies nichts. Erst 200 Meter im Bestand zog er mit hohem Windfang auf die Fährte. Ich stand mit dem Revierförster auf der Wiese und berichtete von meiner Begegnung mit dem vierläufigen Saujäger, als der Fangschuss fiel. Als ich das Stück in der dicht gestellten Dickung erreichte, löste sich die Anspannung. Der "Schecker" lag. Mein Schuss zwanzig Zentimeter hinter dem Blatt hatte das Gescheide getroffen, eine heraushängende Darmschlinge verhinderte das Schweißen. Ich erhielt meinen Schützenbruch, reichte dem Hundeführer und seinem Bayrischen Gebirgsschweißhund ihren Bruch und jetzt begann ein anderer Tag, die Jagd war vorbei. Die Sonne war längst aufgegangen, die Mücken fanden im mir ein Opfer, ich schwitzte, vereinzelt fielen noch kühle Tautropfen von den Birken herunter. So kann ein Tag beginnen: im Birkenlicht. Noch jetzt während der Niederschrift und nach einigen Gesprächen ist mir mein grauer Jagdkollege ganz gegenwärtig. Dass er unmittelbar nach dem Schuss die Frischlinge von der Rotte sprengte und seine erfahrene und effektive Jagdtechnik deuten daraufhin, dass er die Rotte schon länger begleitete. Vielleicht hat er sich an den Frischlingen nicht zum ersten Mal bedient. Ein Saujäger mehr! Willkommen!
© Rainer F. Kokenbrink.
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veröffentlicht: Deutsche Jagd Zeitung 7/02