Erinnerungen befragen

Als Reaktion auf meinen Leserbrief im SPIEGEL, in dem ich die Titelfrage "Ist die Schuld verjährt? Der neue Umgang mit der Nazivergangenheit." (DER SPIEGEL 49/30.11.98) als dümmlich und gefährlich vereinfachend zurückwies und sagte, dass während der Reisen mit SchülerInnen nach Polen niemand von ihnen so eine Frage gestellt habe, meldete sich die Überlebende der Naziverfolgungen, Frau Orna Birnbach aus Tel Aviv, mit der Bitte, für sie während ihres Deutschlandaufenthaltes ein Gespräch mit den SchülerInnen zu arrangieren, die ihr Geburtsland mit mir bereisten.

Nach einigen ausführlicheren Gesprächen konnten sowohl ein schulübergreifendes Zeitzeuginnengespräch, zu der sich ca 380 Hattinger Schülerinnen versammelten, als auch eine kleine Podiunsdiskussion mit interessierten Hattinger BürgerInnenn durchgeführt werden. Es zeigte sich, daß die konkrete Kenntnisnahme der Erinnerungen von Frau Birnbach, die ohne Übertreibung als Sammlung von Grauenserlebnissen gelten dürfen, das Konstrukt "Geschichte" in individuelle Geschichten zurückführte, ohne damit die Notwendigkeit der methodischen Reflektion auszuhebeln. Die konkrete Erinnerungsarbeit stiftet eine "anamnetische Solidarität" (Micha Brumlik) und setzt so offensiv Zeichen gegen die sich leider zunehmend etablierende und salonfähig werdende "Kultur einer Amnesie" (Babtist Metz).

Der kleine Pressespiegel blendet das Echo auf diese Veranstaltung ein.

Jüdin überlebte zwei KZ

Sie wurde In zwei Konzentrationslager verschleppt und hat überlebt: Orna Birnbach, die heute in Tel Aviv/Israel lebt, berichtet am Donnerstag über ihre Vertreibung und das Ghettoleben.

Orna Birnbach war 1943 ins Zwangslager Plaszów deportiert worden, später nach Auschwitz und Bergen-Belsen. Gesamtschule und VHS laden ab 18 Uhr zu dem Abend mit der Jüdin in die Gesamtschule, Lange Horst 10, ein. Andreas Disselnkötter (Uni Dortmund) berichtet außerdem von der Fachtagung ,,Didaktik des Holocaust". Pädagoge Diethelm Blecking stellt seine Überlegungen zur Walser-Bubis-Debatte vor, und Gesamtschullehrer Rainer Kokenbrink beschreibt eine Reise nach Polen mit Schülern zu Orten jüdischen Lebens und Stätten der Vernichtung.

(WAZ, 15.5.1999)


Den Holocaust überlebt

Zeitzeugin berichtet vom Alltag im KZ

Sie überlebte Auschwitz und Bergen Belsen: Orna Birnbach, die heute in Tel Aviv lebt, berichtet heute abend ab 18 Uhr in der ,,Brunnenhalle" der Gesamtschule (Lange Horst 10) von ihrer Vertreibung, dem Leben im Ghetto und den Konzentrationslagern sowie der Befreiung. Außerdem nehmen die Wissenschaftler Andreas Disselnkötter (Dortmund) und Diethelm Blecking (Freiburg) an dem Gespräch teil, bei dem es auch um die Walser-Bubis Debatte und die ,,Didaktik des Holocaust" geht. Gäste sind herzlich willkommen.Bereits am Vormittag (10.30 bis 13 Uhr) beantwortet die Zeitzeugin Fragen von Schü-lerinnen und Schülern in der Gesamtschule.

(WAZ, 20.5.1999)

Überlebende von Auschwitz besucht Schule

Auch öffentliche Diskussion

Der Schüleraustausch mit Polen hat eine lange Geschichte an der Gesamtschule. Doch diesmal ist die Reise zur Partnerschule in Krosno etwas ganz Besonderes: Erstmals besuchen die deutschen Schüler auch die ukrainische Stadt Lemberg. ,,Das ist ein großes Glück für uns, da zwischen Polen und der Ukraine aus der Geschichte heraus noch große Berührungsängste bestehen", sagt Oberstufenlehrer Rainer Kokenbrink. Er versteht die Achse ,,Deutschland-Polen-Ukraine" als Chance für die Schüler, Geschichte aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Nach ihrer Rückkehr wartet auf die Gesamtschüler eine weitere spannende Begegnung:

Gegen das Vergessen: Lehrer Rainer Kokenbrink organisiert das Treffen mit Zeitzeugen.

"Kultur des Erinnerns"

Orna Birnbach, eine Zeitzeugin, die das Ghetto im polnischen Tarnow und die Konzentrationslager in Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt hat, wird mit Gesamtschülern sowie Gymnasiasten von der Waldstraße und aus Holthausen über ihre ,,Erinnerungen an die Shoa heute" sprechen. Während dieses Treffen am Donnerstag, 20. Mai, eine geschlossene Veranstaltung bleibt, wird sich Orna Birnbach abends auf Einladung von Gesamtschule und VHS öffentlich vorstellen. ,,Erinnerungen befragen" ist dieser Abend in der Gesamt-schule überschrieben (18 Uhr, Aula Lange Horst). Es geht um die Shoa, die Vernichtung der Juden, und die ,,Kultur des Erinnerns". Dieses Thema habe angesichts der Diskussion über Holocaust-Denkmal und der Walser-Bubis Debatte eine besondere Brisanz, sagt Lehrer Rainer Kokenbrink. Mit Sorge erfülle ihn das zunehmende Be-dürfnis ,,wegzugucken". aug

(WAZ, 6.5.1999)

 

Orna Birnbach: "Man kann nicht 60 Jahre hassen"

71 jährige Polin überlebte zwei Konzentrationslager - Schüler hörten Leidensgeschichte

Für einen Moment ist es ganz still in der Gesamtschulaula. Über 300 Schüler sind tief bewegt, nachdem Orna Birnbach anderthalb Stunden lang ihren Leidensweg beschrieben hat. Die 71 jährige Polin überlebte als Kind zwei Konzentrationslager. ,,Erinnerungen befragen", so hat Lehrer Rainer Kokenbrink diese Veranstaltung mit der jüdischen Zeitzeugin überschrieben. Orna Birnbach lebt seit 1946 in Tel Aviv, reist aber regelmäßig zu Vorträgen auch nach Deutschland. Indem sie über die Vergangenheit spreche, habe sie ihre Alpträume überwinden können, sagt sie. Wie sie den Haß überwältigt habe, will ein Schüler von der zierlichen blassen Frau wissen. Orna Birnbach hat 250 Angehörige im Ghetto und in den Vernichtungslagern verloren. Trotzdem sagt sie: ,,Man kann nicht 60 Jahre hassen." Ihr Leidensweg begann 1939. Zwei Wochen nach Kriegsbeginn besetzten die Deutschen ihren Heimatort Wlollawek in Polen. ,,Wir Juden durften nur noch rechts auf dem Fahrweg gehen." Die ersten Juden wurden erschossen, zwei Monate nach Kriegsanfang gab es in dem Ort bereits 80 Tote. Im Ghetto von Tarnow wurde 1942 vor ihren Augen ihr Großvater erschossen. ,,Von dem SS-Oberscharführer Hermann Blasche aus Bochum." Nach dem Krieg war sie bei seinem Prozeß. ,,Er bekam Lebenslänglich, wurde aber nach einigen Jahren entlassen und bezog eine gute Rente." Im Juni' 42 begann die erste große Vernichtungsaktion im Ghetto Tamow. ,,Hunderte Juden wurden erschossen. Auf dem Markt, im Wald, auf dem Friedhof." Die Familie versteckte sich zeitweise in einem Keller. ,,Draußen hörte ich das Geschrei der Mörder, ihre Stiefel und das Hundegebell." Seit Auschwitz, sagt Orna Birnbach, habe sie Angst vor Hunden. 1943 kam sie ins Lager Plaszow. War Zeuge als mehrere Kinder erschossen wurden. Ein Rabbi sagte: ,,Gott existisiert nicht." Dann wurde auch er getötet. Nachts spielten die Nazis Kinderlieder, als 220 Kinder abtransportiert wurden. ,,Die Musik sollte die Mütter beruhigen, doch sie schrien und weinten"' erinnert sich Orna Bimbach. 1944 Auschwitz. Sie erlebt mit, wie Nazi-Arzt Mengele ihre Freundin in den Tod schickt. Orna Birnbach, die die Nummer 20 713 trug, überlebt. Auch ihre Mutter. Ihr Vater wurde bei Mauthausen ermordet. Orna Bimbach kam Ende' 44 in eine Außenstelle von Buchenwald, später nach Bergen -Belsen. Dort wurde sie am 16. April' 45 befreit. Morgens um elf kamen die alliierten Befreier: ,,You're free."

aug (WAZ, 21.5.1999)